Musikerkrankheiten und Strategien zur Vermeidung

Seit dem 15. Jahrhundert wurden spezifische Musiker-Erkrankungen festgestellt. Leider sind heute bis zu 80% aller professionellen Instrumentalmusiker im Verlaufe ihres Berufslebens von Krankheiten betroffen. Ob temporär oder chronisch, Rock, Pop oder Jazz – keiner ist gefeit. Doch es gibt Hilfe, Vorsorge und Strategien, um sie zu vermeiden.

Was sind Musikerkrankheiten?

Psychische und Physische Beschwerden

Psychische und Physische Musiker-Krankheiten sind in der Leistungsgesellschaft Tabuthemen. Körperliche Anforderungen sind jedoch Fakten im Musikerdasein. Geräuschpegel, das Halten eines Instrumentes, Wettbewerbsdruck und Lampenfieber gehören dazu. Hinzu kommt die stete Präsenz durch Internetplattformen. Frau Prof. Dr. Maria Schuppert ist Professorin für Musikermedizin an der Hochschule für Medizin Würzburg und Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie und Musikermedizin. Sie gibt Einblicke in die Zusammenhänge zwischen dem Musikerleben und den daraus möglichen psychischen und körperlichen Beeinträchtigungen.

Auch die Literatur und die Lehrpläne der Hochschulen befassen sich mit diesem wichtigen und komplexen Thema. Dort wird Prävention und Behandlung von Fehlbelastungen und körperlichen Schmerzen thematisiert, doch auch seelische Krankheiten und Angststörungen, neurologische und internistische, HNO-ärztliche und gesangs-phoniatrische Beschwerden stehen laut Frau Prof. Dr. Maria Schuppert auf dem Stundenplan.

Der Vergleich zum Leistungssport

Die deutsche Fachgesellschaft für Musikpsychologie und Musikermedizin ist interdisziplinär mit Medizinern, Musikern und Therapeuten besetzt. Eine Arbeitsgruppe 'Lehre' tauscht sich jährlich über ein Curriculum aus. Dort wird die psychische und körperliche Fitness des Musikers diskutiert. Der Unterschied zwischen einem Musikstudium und anderen Studiengängen wird beleuchtet. Ähnlichkeiten zum Leistungssport sind durch jahrzehntelanges Trainieren und Üben nicht von der Hand zu weisen. So sei mentale Stabilität für den Musiker wichtig.  Koordination und das Üben sind für den Musiker obligatorisch, doch weil die Haltung eines Instruments nicht den optimalen menschlichen Konstitutionen entspreche, können Haltungsschäden entstehen. So sollen Musiker für diese Gefahren sensibilisiert werden, jedoch nicht einer Medizinervorlesung ausgesetzt werden. Viele Jazzmusiker nehmen dieses Angebot an, doch auch Klassiker besuchen Seminare wie 'Stress bewältigen und sicher auftreten'. Literaturempfehlungen seine 'Mut zum Lampenfieber' von Claudia Spahn und Gerhard Mantel, die ihre praktischen Erfahrungen teilen.

Der Unterschied zwischen Lampenfieber und Auftrittsangst

Lampenfieber sei hilfreich, Auftrittsangst zu viel, denn die dahinter steckende, größere psychische Problematik behindern den Musiker. Dies hängt nicht mit seinem Talent zusammen und auch seine psychische Gesundheit kann vollkommen sein. denn die Leistung kann sich dadurch verschlechtern. Doch Lampenfieber ist ein natürlicher Teil des Lebens im Musikerdasein. Einzelberatungen und Lehrveranstaltungen vermitteln den Umgang mit der Bühnensituation. Die Abläufe im Körper, die unter Stress entstehen, wirken sich auf der Verhaltensebene aus.

Stressbewältigung und sicheres Auftreten sind beispielhafte Seminarinhalte. Dafür sei es wichtig, die eigenen Verhaltensweisen und Reaktionen als Musiker zu erkennen. Auftrittstraining, Videofeedback und Progressive Muskelrelaxion gehören ebenfalls zum Training.

Richtlinien in der 'Lärm- und Vibrationsschutzverordnung'

Die EU hat in der 'Lärm- und Vibrationsschutzverordnung' Richtlinien herausgebracht, an der sich auch Musiker orientieren müssen. Zu hohe Schallpegel im Jazz, Rock, Pop und in der Klassik wurden in der schweizerischen Unfallversicherungsanstalt, der Suva, gemessen. Sie definierte die Höhe der erlaubten Grenze des Schallpegels über den Verlauf von acht Stunden und in einer Woche. Dabei zählt der Durchschnitt, weil die Dynamik schließlich wechselt. Als lebendes System brauchen die Sinneszellen im Ohr Pausen. Zwar ist das eigene Musizieren nicht so belastend wie das passive Schallerlebnis, doch Vorsicht ist auch hier geboten, denn in beinahe allen Sektren der Musik werde die Expositionszeit signifikant überschritten. Technische, individuelle und organisatorische Maßnahmen sollen davor schützen. Probenräume, Zeiten und das Repertoire entscheiden.

Was passiert im Ohr?

Der Stapediusreflex ist ein kleiner Muskel und dämmt die Übertragung vom Mittelohr auf das Innenohr mit einer gewissen Reaktionszeit. So kann er kurze Schallquellen nicht rechtzeitig abschwächen, weshalb Crashbecken eines Schlagzeugs als besonders laut empfunden werden. Die Geräuschestruktur ist ebenfalls zu beachten. In der Klassik ist er hoch strukturiert, im Metal weniger. Lautstärke und deren Dauer sind hier entscheidend. Der Pfeifton im Ohr nach einem Konzert ist eine Überreizung der Sinneszellen und eine Zeichen für eine Pause, jedoch keine Schädigung. Ein Gehörsturz hingegen sei eine Durchblutungsstörung im Innenohr.

Die genauen Vorgänge seien jedoch noch nicht hinreichend erforscht, denn Stress, ein Infekt und Lautstärke können bedeutende Faktoren sein. Werden intensive und konzentrierte Arbeit mit Lautstärke kombiniert, erhört sich das Risiko für einen Hörsturz, weshalb es keine reine Musikerkrankheit ist. In-Ear-Monitoring ist ein problematisches Thema, weil der Schall direkt und unabgeschirmt komme. Eigenverantwortlichkeit mit der Regelung der Lautstärke sei hier maßgeblich entscheidend.

Vorsorge und Therapiemaßnahmen

Regenration, Ruhe und durchblutungsfördernde Medikamente sollen helfen. Stressabbau stärke das Immunsystem, Sport gleiche den Organismus aus. Eventuell analysieren, zu welchen Zeitpunkten man im Alltag intensiven Geräuschbelastungen ausgesetzt ist. Lamellenstöpsel können helfen. Leider werden Therapien von den gesetzlichen Krankenkassen nicht übernommen, weil Verfahrensweisen nicht genügend fundiert seien und die Behandlungen mit Kortison favorisiert werden. Vor unseriösen Therapien gegen Tinnitus sei dennoch gewarnt. Bei einer Sehnenscheidenentzündung sollte man nicht spielen und eine Spezialisten aufsuchen. Sie kann durch Überreizung entstehen. Der Schmerz ist also ein Warnhinweis. Um ihn nicht chronisch werden zu lassen, ist diese Warnung also immer ein Signal, um Üb-Verhalten und Gewohnheiten zu überdenken. Neigt man kurz vor dem Auftritt zu Verkrampfungen , hilft Wärme. Bei Schmerzen sind Schmerzgels, Ibuprofen oder progressive Muskelrelaxion hilfreich.

Die Motorik

Drei bis fünf Minuten ganzkörperliches Training reichen laut Frau Prof. Dr. Maria Schuppert, um sich für das Musizieren aufzuwärmen, ohne schon dabei zu ermüden. Die Durchblutung soll im ganzen Körper angeregt werden, denn reine Fingergymnastik reicht nicht aus. Ausladende Bewegungen, Atmung, Mobilisationsübungen, Einspiel- und Einsingübungen und eine abschließende Übe-Session gehören dazu. Kleinere Fraktionen und Pausen seien sinnvoll. So kann Musizieren wieder mit Sport verglichen werden. Schuppert empfiehlt ebenfalls, sich vor Shows und Auftritten nicht zwei Stunden warm zu spielen. Zwar sei die Fitness auch tagesformabhängig, doch Ermüdungseffekte wären nach zweistündigem Aufwärmen garantiert. Im Schulter- und Handbereich seinen Dehnungsübungen sinnvoll. Generell sollte man die Gegenrichtung seiner üblichen Spielhaltung betrachten. Therabänder und andere Hilfsgeräte dehnen und kräftigen zugleich, besonders im Schultergürtelbereich. Zehn Sekunden sollte diese Dehnung mit aufgewärmtem Körper gehalten werden. Ganz besonders wichtig sei die Atmung. Trotz diffiziler Passagen sollte die Konzentration bei einem Stück nicht ausschließlich auf ihnen liegen, sondern ebenso auf die Atmung gelegt werden, um Körperwahrnehmung und Bewegungsflüsse nicht zu hemmen.

Das passiert im Hirn

Auf Ebene der Hirnrinde kann ein Ermüdungseffekt entstehen. Dort werden motorische Programme gespeichert und weitergegeben. Bei konzentrativer Arbeit sei das normal, doch weil auch der Körper irgendwann müde wird, sind unter diesen beeinträchtigten Leistungskriterien Korrekturen schwer möglich. Fehler können sich einschleichen und anschließend falsch abgespeichert werden.

Eine dreiviertel Stunde am Stück sollte man am Besten zwei verschiedene Stücke üben und dann zehn Minuten pausieren. Bläser und Sänger könnten eine frühere Pause benötigen. Zeitgleiches trainieren und abspeichern der neuen Informationen ist nicht möglich, denn letzteres entsteht in Pausen und im Schlaf. Remineszenzphänomen nennt sich dieser Prozess. Langsam zu beginnen und dann Tempo und Sprünge zu steigern ist empfohlen. So versteht man das Stück und kann es analysieren. Mentales Training gehört ebenfalls dazu. Manchmal ist es jedoch sinnvoll, dass komplizierte Parts bereits früh geübt werden, weil andere motorische Steuerungsprogramme eingesetzt werden. Die Imagination des Bewegungsablaufes sei ebenso wichtig. Stagniert man an bestimmten Stellen im Stück, sollte man mit Variationen arbeiten und sich beispielsweise auf das Gefühl der Hand konzentrieren, dann auf den Klang, die Intonation und schließlich das Gesamte. Sieben bis acht Wiederholungen seien dafür empfohlen.

Übungsstrategien

Insgesamt gilt: Üben kann man durch Üben lernen. Schmerzgrenzen sollten dabei nicht ausgereizt werden. Auch die Erkenntnis, wann Üben nichts mehr bringt, ist wichtig. Dieser Umkehrpunkt sei nicht klar definiert. Man sollte sich ein Ziel stecken und dieses in Etappenziele teilen. Was möchte man als Musiker nach einer Woche erreichen? Was schafft man vielleicht nach einem Monat? Wie viel Zeit steht mir generell zur Verfügung und was kann ich mir zutrauen? Diese Organisation schützt im Vorfeld vor Frustration und wird die Grundlage eines Stundenplans. Der kleine Finger hat anatomisch betrachtet andere Aufgaben als die stärkeren anderen Finger, sodass seine Geschwindigkeit nicht isoliert betrachtet werden könne. Im Kontext der Koordination blockiere der Ringfinger den kleinen Finger am stärksten. Der Daumen sollte nicht zu viel Druck ausüben, um den Rest der Hand nicht zu blockieren.

Musiker berichten

Thomas Noack weiß aus seiner Praxis am Theater und in der Rockmusik von Musiker-Krankheiten zu berichten: „Bei allen schönen Aspekten vom Musikmachen gibt es auch Risiken und Nebenwirkungen, die so vielfältig sind, wie das Spektrum der Instrumente. Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich selber von den schlimmsten Beschwerden verschont geblieben bin. Das liegt daran, dass ich mich nicht auf ein einziges Instrument gestürzt habe, sondern viele verschiedene Instrumente gespielt habe, und das ja auch nicht als Profi im eigentlichen Sinne. So sind mir Folgen von einseitiger Belastung erspart geblieben.“

Orchestermusiker leiden am meisten

"Eigentlich sind die Orchestermusiker diejenigen, die am meisten über Beschwerden klagen. Orchestermusiker sind im Dienst auf engstem Raum untergebracht. Bewegungsfreiheit gibt es nicht. Die Konzentrationsleistung ist enorm. Dadurch ergeben sich Verspannungen, die über die langen Dienstjahre von Rückenleiden bis zu Schmerzen aller Gliedmaßen und Finger führen kann. Bei vielen Streichern gibt es oft nach wenigen Dienstjahren das Karpaltunnelsyndrom, welches nur nach operativen Eingriffen beseitigt werden kann und eine Auszeit von mindestens einem halben Jahr verursacht. Es sind auch andere Probleme bekannt, so können zum Beispiel Bläser Probleme mit der Lunge bekommen. Bei Streichern kann es zu Problemen durch Kolophoniumstaub kommen."

Das Gehör

"Die Belastung des Gehörs wird in der Regel integrativ gemessen. Das bedeutet, dass zu dem Schallpegel, der in manchen Bereichen des Orchesters dem in der Rockmusik nichts nachsteht, auch die Zeit eine Rolle spielt, in der das Gehör diesem Pegel ausgesetzt ist. Das kann bei einem Orchestermusiker bei zehn Diensten pro Woche, dazu noch vorbereitendes Üben und oft Unterrichtstätigkeit, so enorm viel sein, dass im Integral gemessen die Belastung weit höher ist als bei Musikern anderer Branchen. Bei Geigern zum Beispiel gibt es Nachweise, dass das linke Ohr nach langen Berufsjahren schlechter ist als das rechte. Schutzmaßnahmen wie persönliche Schutzausrüstung (Hörstöpsel) werden nur schleppend angenommen, weil trotz sehr guter technischer Eigenschaften von Otoplasten das Verhältnis vom eigenen Instrument zu den Anderen verzerrt wird."

Psychische Beschwerden

"Musiker die in einer Zwangsgemeinschaft auf engstem Raum miteinander arbeiten müssen, sind oft hohen psychischen und sozialen Belastungen ausgesetzt. Oft gibt es in größeren Gruppen Konkurrenzkämpfe. Das alles kann sehr belastend sein. Der Orchestermusiker hat bei der Auswahl der Musikstücke in der Regel kein Mitspracherecht. Das kann zum Teil schon hohe Belastungseffekte noch zusätzlich verstärken. Psychische Schäden gibt es bei vielen Musikern, die in der Regel aber nicht näher eingruppiert werden können. In vielen Musikbereichen kann man natürlich erkennen, dass die kreative Prozesse und der Erfolgsdruck sowie der Erfolg selber Probleme machen, die von den Musiker unterschiedlich antizipiert werden. In den 1970er Jahren wurden oft Alkohol und Drogen konsumiert. Signifikant ist die hohe Selbstmordrate bei sehr erfolgreichen Künstlern."

Orthopädische Schäden

"Orthopädische Schäden sind in den meisten Bereichen der Musik nicht unbedingt zu erwarten, da in anderen Bereichen der Musik als in der Klassik nicht statisch auf engem Raum agiert wird. Dennoch mag es Gitarristen geben, die Schulter-, Rücken- oder Fingerprobleme bekommen. Im Profibusiness werden in aller Regel die Instrumente von Backlinern aufgebaut, bei Amateuren kann es schon mal Rückenprobleme geben. Aber heute werden die Verstärker ja immer leichter. Deshalb arbeitet die Zeit und die Technik für die Musiker. Mag sein, dass es einige hartnäckige Hammond-oder Rhodesspieler gibt, die der Meinung sind, dass diese Instrumente nicht durch leichtere ersetzt werden können. Die können schon mal Rückenprobleme bekommen. PA-Anlagen werden in aller Regel je nach Veranstaltung von Verleihern gestellt."

Schutz vor Lautstärke und Tinnitus

"Die größten Schäden in der Musikbranche entstehen natürlich durch die Lautstärken. Auch wenn es heute viele Methoden gibt, durch persönlichen Hörschutz Schäden zu verhindern, sind die Lautstärken auf einer Rockbühne schädlich. Die Folgen sind Tinnitus und bei vielen Musikern ein Hörverlust, beginnend im Mittenbereich. Wie bei vielen Krankheiten gilt aber auch hier: Den Einen erwischt es, den Anderen nicht.“ Selbsternannte Amateurmusiker wissen ebenfalls von Beschwerden zu berichten und sich dementsprechend selbst zu helfen: „Seitdem ich über You-Tube viel über Körperhaltung, Stick-Haltung und generell verbesserte Technik gelernt habe, geht es besser. Dazu kommt Atmung aus dem Bereich Yoga. Achte ich nicht auf Haltung, bekomme ich vor allem Schulterschmerzen und Nackenschmerzen. Frühere Rückenschmerzprobleme habe ich nicht mehr."

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Bildquelle: Photo by Jenelle Ball on Unsplash